Cannaregio und Jüdisches Viertel

Zu einem ihrer dunkelsten Kapitel gehört die Einrichtung eines Ghettos auf einer kleinen Insel in Canareggio im Jahr 1516 - das erste Ghetto weltweit.

Traditionell hatten die Metallgießer dort ihren Platz. Der Name ihres Handwerks, "Gettare", gab dieser Zusammenpferchung den Namen und wurde damit für alle Zeit zum Synonym für die Ausgrenzung von Juden. Hier lebten Juden unter meist ärmlichen Verhältnissen auf engstem Raum, in Häusern, die aufgestockt wurden, bis sie unter ihrer Last zusammenbrachen.

Wie vielen venezianischen Häusern fehlt auch an diesem Haus im Ghetto der Putz , aber es ist genau das, was zu Venedig gehört, einer Stadt, in der Moderne und Verfall zu finden sind

Blick von einer jüdischen Schule auf die gegenüberliegende Häuserfront

Allabendlich wurde das Ghetto über Brücken abgeriegelt. Die Kanäle fungierten als Barriere.

Immerhin hatten die dort lebenden Juden eine Aufenthaltsgenehmigung und standen unter dem Protektorat der Stadt - bis Napoleon Venedig eroberte und das Ghetto auflöste.

Die Wohlhabenderen zogen in die eleganten Viertel der Lagunenstadt, zurück blieben die Armen. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft über die Lagune dezimierte sich die Zahl der venezianischen Juden drastisch: Zahlreiche Juden wurden deportiert und ermordet. Inzwischen ist jüdisches Leben in das Ghetto zurückgekehrt. Es gibt jüdische Geschäfte und koschere Restaurants.

Vor allem die jungen Mitglieder der jüdischen Gemeinde Venedigs wünschen sich diesen Ort, der so exemplarisch die Geschichte jüdischen Lebens in Europa repräsentiert, als einen modernen, der Zukunft zugewandten Treffpunkt intellektuellen Austauschs und internationaler Begegnungen zwischen Kulturen und Religionen.

Bilder vom Marktplatz des

neuen Ghettos

(am Marktplatz befindet sich u.a. auch das Jüdische Museum)

Dennoch ist die Bevölkerungsentwicklung in Venedig auch was den Anteil der Juden betrifft rückläufig. Der Tourismus hat rapide die soziale Textur Venedigs zerstört, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts noch 170.000 Einwohner zählte und nun weniger als 60.000. Parallel dazu hat die jüdische Gemeinde, die im Jahr 1910 noch 3.000 Mitglieder zählte, heute weniger als 500. Nicht nur, dass junge Juden die Probleme aller Venezianer teilen, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Darüber hinaus sehen sie sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, ihre jüdische Identität erfüllend zu leben innerhalb einer derart reduzierten Gemeinde. Das realistischste Zukunftsszenario ist wohl, dass die unkontrollierbare Touristenflut letztendlich das Ghetto, vielleicht aber auch ganz Venedig in ein großes Freilichtmuseum verwandeln wird.

(Quelle: ZDF Shylocks Erben - Venedigs Kinder der Shoa, 2005).

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